Geldim Gördüm Aldım

Verkaufen und Kaufen sind nicht wegzudenken aus dem Istanbuler Alltag. Omnipräsent ist der Handel als Handlung. Geschäfte werden gezielt oder zufällig betreten, Waren in Augenschein genommen und gegen Geld zu Eigentum. Geldim, gördüm, aldım – Ich kam, sah und kaufte. 

Auf verschachtelten Wegen führt das Buch von Vincent Schwenk mit Texten von Annika Haas zu Detail – Beobachtungen und unerwarteten Dimensionen des Kaufens in der Metropole am Bosporus.

Während beide in Istanbul weitere Aspekte der Stadt erkunden, wird das Buch auf der Leipziger Buchmesse (15. – 18. März 2012). Halle 3, Stand G 500 (FH Potsdam) ausgestellt.

Auszug:

Vorm Balkon

Dass hier jemand vorbeikommt, ist alltäglich und selbstverständlich. Mehrmals pro Woche ist es sogar ein Karren mit Pferd, auf dem sich besonders die Zitrusfrüchte von der blauen Folie dekorativ abheben. Der Verkäufer unterscheidet sich derweil mit seinen Rufen kaum von den anderen. Nach ein paar Wochen kann man die Werberufe aber schon im Schlaf zuordnen und eilt nicht mehr auf den kleinen Balkon, um zu sehen, wer da ist, auch wenn man gar nicht die Absicht hat, etwas zu kaufen. Ganz gut leben ließe es sich davon allerdings schon. Über Tag und Woche verteilt kommen die verschiedensten, meist männlichen Händler durch die Straße. Ein Berg voller Simitkringel zieht ebenso vorbei wie ein Verkäufer von Boza, Boza, Bozaaaaa – so preist er das Maisgetränk an. Aber sie kommen auch mit dem Auto und machen sich bemerkbar. Der Gasflaschen- Lieferant Aygaz kommt sogar mit einem sehr einprägsamen Jingle, der angeblich verboten wurde, weil er allzu oft und überall zu hören war. Dabei ist die Melodie fast so schön wie die Operettenplatten vom Nachbarn gegenüber – vergleicht man sie mit einem nicht enden wollenden Werbespruch, der Winterdecken durch ein Megafon anpreist – das aber ausnahmsweise als Frauenstimme vom Band. Meist am Wochenende kommen dann auch Akkordeonspielerinnen und -spieler und haben ihre Kinder im Gepäck. Die Melodie ist bekannt aus den Fußgängerzonen Europas, aber lässt doch immer wieder ein paar Lira auf die Straße fliegen. Derweil ist im Erdgeschoss direkt gegenüber ein Gut zu haben, das aufgrund des Chlors aus dem Hahn wirklich unabdingbar ist. Überdimensionierte Wasserkanister werden hier mit knatternden Mofas ausgeliefert und auf höflichen Zuruf vom Balkon aus auch direkt in die Wohnung gebracht. Und falls sich in der kleinen Wohnung einmal zu viel angesammelt haben sollte, macht nicht zuletzt auch der Schrott- und Trödelhändler jeden Morgen seine Runde begleitet von bezeichnenden Würgelauten.

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