Im Über-Dorf

Göktürk, von Justus Linz

 

Göktürk  – so heißen mehrere Orte in der Türkei. Göktürk im Istanbuler Stadtteil Eyüp ist ein Hybrid aus Kleinstadt, Dorf und Gated Community und damit Anziehungspunkt für mittelständische Familien, die ihre Ruhe haben wollen. Nimmt man den Bus von Mecidiyeköy, hat man zunächst den Eindruck, man unternähme eine Landpartie.

Durch das Jendere-Tal, fährt man durch ein bewaldetes Gebiet, das aufgrund eines Militärstützpunktes nicht zersiedelt ist und auch als Trinkwasserspeicher der Metropole dient. Eine halb illegale Autobahn garantiert einen schnellen Weg zur Arbeit in die Büroparks.

Esra hat noch keine Familie gegründet und studiert. Sie hat auch kein Auto, um den Highway zu nutzen. Je nach Verkehrslage benötigt sie mit dem Bus zwei Stunden für den Heimweg von der Bahçeşehir Üniversitesi am Bosporusufer. Die letzte Verbindung fährt kurz nach zehn Uhr abends. Ihre KommilitonInnen haben sie hier noch nie besucht. Sie befürchtet, sie könnten sich langweilen. Dabei gibt es sogar einen Starbuck’s.  Sonst bietet Göktürk nicht viel öffentlichen Raum.

Im Laufe des Nachmittags mit Esra bestätigt sich leider, dass die Trägheit des Ortes unweigerlich die Stimmungskurve abfallen lässt. Das ist kein Wohnort für eine Studentin.

Sie wohne hier ruhig und könne sich gut auf ihr Marketing-Studium konzentrieren, schildert sie tapfer. Sowieso spiele sich ihr Leben eher an der Uni ab. Tatsächlich bietet ihr die Bahçeşehir Üniversitesi eine Dachterasse mit Bosporusblick und mehrere Verweilmöglichkeiten sowie eine umfangreiche Gastronomie.

Im Vergleich dazu ist der Starbuck’s in Göktürk natürlich reizarm. Auch wenn erst wenige hundert Meter weiter die Mauern um die Wohnparks derart zu wuchern beginnen, dass Beklemmungen aufkommen.

Esra fühlt sich hier aber sicher. Als gebürtige Istanbulerin täte sie das aber wohl in vielen anderen Vierteln auch. Aufgewachsen ist sie im trubligen Florya auf der asiatischen Seite. Nun bewohnt sie mit ihren Schwestern ein Apartment. Ihr Vater bezahlt die Miete und hat die Wohnung ausgesucht.

Die Anlage gehört zu einer neueren Generation von Wohnparks in Göktürk. Die Bewohner einer der ersten Sites (türk. für Gated Community), leben in Villen in Kemer Country am Ortseingang. Das ummauerte Wohngebiet war ein früher Vorstoß, exklusiven Wohnraum in einer Stadt mit immer weniger Platz zu sichern. Der Pionier-Investor Kemer entwickelte zudem die Vision, Werte der dörflichen Gemeinschaft auf diesem Weg neu zu beleben.

Heute wirkt Göktürk leider eher wie ein sozial dysfunktionales Konglomerat. Wohnparks werden eingepfercht von hohen Mauern und lediglich durchschnitten von Asphaltschneisen. Die Krönung unter den Investruinen ist ein gescheiterter Rohbau im Stil des Weißen Hauses.

Göktürk, von Justus Linz

Esras Weg von der Bushaltestelle zur Wohung ist ebenso waschbetongrau. Am Tor der Wohnanlage wird die Studen-tin von den Wachmännern erkannt, sie passiert und betritt ein mit Stiefmütterchen, Tannenbaum und Palmen bepflanztes Panoptikum: Steht man auf einem Balkon, überblickt man den Hof; befindet man sich unten kann man aber auch alle Balkone gut einsehen. Die Apartments ziehen Mutter-Vater-Kind-Konstellationen an. Somit gehört auch ein Kinderplanschbecken selbstverständlich zur Anlage. Ein Spielplatz, Bänke, Mülleimer und Gemeinschaftsräume sol-len die Bewohner der Anlage zusammen bringen. Doch im Hof ist es einfach nur still. Entlang eins Betonpfades kann man erkunden, ob das überall so ist. Hinter den Häusern gibt es aber kaum Fenster, alles ist abgeschirmt. Ein Besitzer will sich dennoch doppelt schützen und hat seinen Balkon noch mit einer Alarmanlage gesichert.Dabei ist die Mauer genau vor diesem Balkon geschätzte drei Meter hoch, der Blick auf die Straße ist verbaut.

Etwas Leben kommt durch den Spielplatz in den Hof. Begleitet werden die Kleinkinder von ihren gelangweilten Müttern, die sich nur flüchtig grüßen, sich nichts zu erzählen haben und sich nichts aus ihrem Schlabberlook machen. Es bleibt insgesamt ruhig, auch als die größeren Geschwister aus der Privatgrundschule nach Hause kommen.

Sie befindet sich wenige Straßen weiter und ist im ehemaligen Rathaus des Ortes untergebracht, das jetzt der Doğa Gruppe [türk.: Natur] gehört.

Die Fassade zeigt Kinder aus aller Welt beim Malen auf der Wiese, Reiten und Lernen im Sonnenschein und soll so die Kunden, also Eltern, anlocken. Die Grundschulkette ist nämlich nur ein Arm des Doğa Konzerns. Er stellt die Lehrer und das Konzept; ein Investor finanziert die Infrastruktur.


Dass die Kinder zu Fuß von der Schule nach Hause gehen, ist wohl eher die Ausnahme. Denn das Leben in einer Gated Community bedeutet ein Leben in Blasen, die verbunden werden durch Highways. Gespielt wird innerhalb der Mauern, mit dem SUV geht es in den Kindergarten mit speziellem Bildungsprogramm. Auch der private Schulbus fährt jedes Haus einzeln an, um die Sicherheit der Kinder zu garantieren. Vorerst letzte Station ist dann die private Universität.

Am Pool. Bild: Daniel Heppe

Dieses Label muss nicht gezwungenermaßen bedeuten, dass man sich hier den Abschluss kaufen kann. Schließlich werden mit rund 5000 Euro Studiengebühren pro Semester und StudentIn hochkarätige Lehrende, oft mit angelsächsischem Doktortitel, angeworben. Feryal Tansuğ, Historikerin an der Bahçeşehir Üniversitesi, meint, dass es vergleichbare staatliche Universitäten gebe, nur wenn die Studierenden dann die Dachterrasse  gesehen hätten, würden sie ihre Eltern zu einem Kredit überreden.

Ob das in Esras Fall so war, ist schwer zu sagen. Auch, ob das Wohnen in Göktürk ein Privileg oder eine günstige Lösung ist. Auf jeden Fall gibt es hier mehr Platz, die Nähe zum Belgrader Wald und teilweise sogar einen Anflug von Wiesenduft in  der Nase. Vielleicht ist es das, womit sich die gut situierte obere Mittelschicht für die harte Arbeit belohnen will.

Andere Lasten sollen jedoch draußen bleiben. Um diese Trennung aufrecht zu erhalten, bleibt nur noch die Flucht in den privaten Raum gegen Eintrittsgeld. Auch in Göktürk ist das für Esra möglich. Sie könnte auf den Golfplatz oder zum Polo gehen. Doch die Leute dort, seien oberflächlich und „fake“, wie sie sagt. Sie vermisst ihre Freunde aus Florya. Aber nun geht es erstmal in Göktürk weiter, aber nicht für immer. Esra denkt, dass es hier auch bald so voll wie in ihre Heimatviertel sein wird.

Im Innenhof der Apartmentanlage. Bild: Daniel Heppe

Vielleicht zieht sie dann in eine Wohnanlage wie die Aqua City 2010.

Dieses Projekt richtet sich eindeutig an Besserverdienende, das zeigt schon der Showroom. Weiß glänzendes Interieur, Plastik-Orchideen und eine Servicekraft, die sich um die Getränke kümmert. Währenddessen erläutern die Makler die Grundrisse, bitten dann zur Besichtigung der Musterwohnungen und proklamieren anschließend, dass Wohnen in diesem Park einem permanenten Urlaub gleichkomme.  Das Zentrum der Anlage ist ein künstliches Gewässer, auf dem man sich mit Booten zwischen den Kultur- und Sportangeboten bewegen kann. Hauptargument für ein Apartment in der Aqua City, einen Kredit aufzunehmen ist natürlich die Lage: Çekmeköy auf der asiatischen Seite liegt direkt am Highway. Mit dem Auto gelangt man von hier mit dem Auto schnell zu Ikea, Einkaufsmalls und anderen Wohnparks der Sinpaş Group und letztendlich auch zur ersten Bosporusbrücke.

Die täglich wachsenden Wohntürme sind von der europäischen Seite aus gut zu erkennen. Obwohl nicht am Bosporus gelegen, haben sich die Investoren zur richtigen Zeit Filetstücke im Zentrum gesichert und dafür gesorgt, dass diese gut zu erreichen sind. Ist der Tunnel unter dem Bosporus erst einmal fertig gestellt, kann man sogar zur anderen Seite durchfahren.

F A Z I T

Fast jeder Quadratmeter ist in Istanbul also kapitalverdächtig, wenn die Verkehrswege passen. Ob Villen in illegal bebauten Waldgebieten oder Wohnsilos – an jeder Autobahnabfahrt entstehen neue Siedlungen, die nicht nur Wohnraum sondern auch Sicherheit bieten sollen. Erreicht wird das vermeintlich durch das Prinzip der Gated Communities: Hineingelassen wird nur, wer im umzäunten Bereich wohnt oder angemeldet ist. Manche Anbieter betreiben zusätzlich eine interne Segregation: ein Block für Singles, der nächste für Familien. Eine weitere Trennung ergibt sich automatisch durch die Mieten bzw. Preise für Eigentumswohnungen. Ein Nebeneinander von ärmeren Familien und besser Situierten wie es etwa in den (Szene)vierteln Beyoğlus noch(!) der Fall ist, wird so ausgeschlossen und der wachsame Nachbar sowieso überflüssig.

Fraglich ist nun, ob die Istanbuler diese Gated-Community-Dörfer irgendwann über haben werden.

Text: Annika Haas
Bilder: Justus Linz (1,2), Daniel Heppe (3,4)

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