Ein Coming Out vor der Nation


– Im Frisörsalon am Autobusbahnhof in Istanbul sitzt ein Mann im weißen Feinrippunterhemd und erläutert detailreich, wie die grüne Pflegemaske in seinem Gesicht wirkt. Nach ein paar Minuten fügt er hinzu: „Ama gey değilim!“ [Aber schwul bin ich nicht!] Der Salon voller Männer lacht lauthals los. –

So schildert Ulrike Böhnisch beispielhaft, wie paradox sich Männlichkeit in der Türkei konstituiert. Dies und das fragwürdige Ausmusterungsverfahren Homosexueller vom türkischen Militär thematisiert ihr Dokumentarfilm Çürük – The Pink Report. Derweil war er auf 19 Filmfestivals in Europa zu sehen, zuletzt vor einem ausdrücklich dankbaren Publikum beim !f Istanbul Festival in Istanbul.

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Bis dahin war es ein langer Weg. Als Austauschstudentin in Istanbul war sie zunächst selbst konfrontiert mit einem Konzept von Männlichkeit, das ihrer Logik vollkommen widersprach: Nachts auf der Straße von Männern belästigt und angegriffen zu werden, das sei selbst verschuldet, so die Meinung ihrer Kommilitonen. Als Frau solle man eben nicht allein unterwegs sein, vor allem nicht in der Nähe der zentralen Cumhüriyet Caddesi, dort wo auch Männer ins Auto gezerrt werden – für Geld oder unfreiwillig. Im Umgang des türkischen Militärs mit Homosexuellen kulminieren solche Äußerungen und Vorfälle. Schwule Männer gelten als çürük – übersetzt: verdorben, schadhaft, faul. und sind deshalb offiziell dienstunfähig. Homosexualität wird folglich pathologisiert, um als Psychosexuelle Krankheit als Kriterium für die Ausmusterung zu dienen.

Damit verbunden ist ein Nachweis -Verfahren, das in vielen Fällen gegen die Konvention der Menschenrechte verstößt. Es gilt, sich psychiatrischen Konsultationen zu unterziehen und darin im Zweifelsfall zu beweisen, dass man passiven homosexuellen Geschlechtsverkehr hat. Untersuchungen im Analbereich und die Einforderung von Bildmaterial gehören zur gängigen Praxis, die von offizieller Seite bestritten wird.

Sie resultiert in einem „Coming Out vor der ganzen Nation“, wie es ein Protagonist formuliert. Das Militärzeugnis ist bei jeder Bewerbung vorzulegen. Diese Regelung brandmarkt somit alle Verweigerer ihr Leben lang als offiziell psychisch krank und verwehrt  ihnen außerdem den Zugang zur Beamtenlaufbahn.

Noch dramatischer ist oftmals, was sich im Privaten ereignet. Kein Soldat gewesen zu sein, bedeutet zunächst in den meisten Familien, deren Stolz zu verletzen. Schließlich wird eine wichtige Stufe auf dem Weg zum „wahren Mann“ ausgelassen.

Der Filmtitel wird ergänzt durch den Slogan This is about manhood being made. Wie man in der Türkei zum Mann wird, umreißt die Regisseurin so: „Der Militärdienst hat die Stellung eines Iniationsritus‘. Aus dem Jungen wird ein Mann. Nur wer beim Militär war, ist gesellschaftlich anerkannt und kann dann heiraten, arbeiten und Kinder bekommen.“

Homosexuelle oder Transvestiten, alle, die queer sind, widersprechen diesem institutionalisierten Rollenbild. Dieses gründet sich auch auf einer klaren Unterscheidung von aktiv und passiv, respektive Mann und Frau – stereotyp gezeichnet. Darauf basierend werden homosexuelle Männer als verweiblicht betrachtet und unfähig erklärt, eine Waffe zu tragen.

Sich für das Ausmusterungsverfahren zu entscheiden, bedeutet folglich eine lebenslange Verortung außerhalb des gesellschaftlichen Konsens‘.

Zwei der Protagonisten des Films haben die Prozedur des Pink Report auf sich genommen. Die anderen zwei traten, wie tausende andere junge Männer, an einem Abend des lautstark gefeierten Militärabschieds ihren Weg von einem Busbahnhof an zum sechs bis achtzehn-monatigen Dienst an der Waffe – umgeben von Flaggen, Böllern, Gesängen und Rufen wie „Unser Soldat ist der Beste!“.

Was dann folgen kann, ist traumatisierend. In den Kasernen ist die Vergewaltigung und Misshandlung homosexueller Männer keine Ausnahme.

Doch auch im zivilen Raum ist man davor nicht sicher. Human Rights Watch berichtet von Gangs, die im Internet Treffpunkte der kleinen Gay Community ausmachen, um Männer auszurauben und sexuell zu missbrauchen. Schließlich gilt nur als Ibne [sehr abwertend, „Schwuchtel“] wer passiven Sex hat.

Erfolgt ein Notruf, lässt sich die Polizei Zeit. Die strafrechtliche Verfolgung kann ausbleiben. Dies und die unwürdigen Verfahren im Zusammenhang mit der Ausmusterung sind es, was Ulrike Böhnisch aufstößt und wofür sie außerhalb der Türkei mit ihrem Film Bewusstsein schaffen will: „Ich kritisiere offen diese institutionalisierte Form der Diskriminierung.“

Der Dokumentarfilm thematisiert eine Problematik, über die mit ihr als deutscher Frau zunächst niemand reden wollte und wird in der Türkei nicht öffentlich gezeigt werden. Bei der internen Vorpremiere in Istanbul am vergangenen Samstag waren nur Freunde und Freunde von Freunden zum Schutz der Protagonisten anwesend. Aufgrund dessen sind auch nur Ausschnitte ihrer Mimik und Gestik zu sehen. Diese Bildsprache bringt die vier Männer auf eine anonyme und gleichzeitig intime Weise nahe und verweist auch darauf, wie sich Identität (nicht nur in der Türkei) visuell konstituiert und kodiert ist.

In Istanbul stieß die ehemalige Austauschstudentin auf paradoxe Szenen der Männlichkeit im Stadtbild. Männer halten Händchen auf der Fähre, schlendern Arm in Arm durch die Straßen, Begrüßungsküsschen sind Gang und Gäbe und man fasst sich herzlich an die Wange. Eine zarte Grenze verläuft zwischen männlich und schwul.

Der Kunststudent Stefan J. Wirnsperger aus Wien recherchiert im Stadtteil Beyoğlu für sein Diplom und berichtet zudem von „dem Anschein nach stereotypen bärtigen Familienvätern, die sich unter offen Schwule und Transsexuelle mischen“. Diese findet man in Istanbul z.B. in Bars auf dem Tarlabaşı Bulvari, einer zentralen Hauptverkehrsstraße parallel zur Einkaufspromenade Istiklal. In letzterer gibt es fast schon offene Treffpunkte. Ulrike Böhnisch bestätigt diese lokal sehr eingegrenzte Duldung: „Es kommt sehr darauf an, in welcher Gesellschaftsschicht man lebt. Mein Protagonist aus Istanbul verdient sein Geld als Performancekünstler und arbeitet in Galerien. In dieser Szene ist man gayfriendly, vor allem im Nachtleben werden Schwule geradezu gefeiert. Das schützt sie aber dennoch nicht vor Überfällen und Vergewaltigungen auf dem Weg nach Hause.“

Ein Lichtblick ist die stärkere Vernetzung und Organisation von Homo- Bi- und Transsexuellen in Istanbul. Auf gesetzlicher Ebene bewegt sich weiterhin nichts. Die Türkei ist einer der letzten Mitgliedsstaaten der NATO, der homosexuelle Männer dermaßen stigmatisiert und vom Militärdienst ausschließt.

F A Z I T

„Anders sein ist überall schwer, aber in der Türkei ist es ganz besonders hart. Homosexuelle sind dafür nur ein Beispiel.“
Ulrike Böhnisch, Regisseurin von Çürük – The Pink Report. 

http://www.curuk-film.de/

Text: Annika Haas

Bildmaterial:  zur Verfügung gestellt von Ulrike Böhnisch

Siehe auch:

Ulrike Böhnisch im Interview bei Funkhaus Europa – Süper Film

Zenne – Der erste türkische Mainstream – Film, der Homosexualität explizit thematisiert – und das mit Erfolg bei Zuschauern und Festivals.

Human Rights Watch Report, Mai 2008
We need a Law for Liberation. Gender, Sexuality, and Human Rights in Changing Turkey.

Report der Organisation Lambda über die Situation von Homo-, Bi- und Transsexuellen 2005 in Istanbul

Chronologie s. j. w. , Bilder und Texte von Stefan J. Wirnsperger

Pornos für den Generalvon Maximilian Popp in Spiegel Online

Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt ein Buch von Pinar Selek

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