Rühr‘ mein Haus nicht an

Istanbul ist nicht nur das vor Konsummöglichkeiten platzende Zentrum oder die Szenegegend Cihangir. Wo leben die geschätzten 18 Millionen Istanbulos?

Beispielsweise in den Geçekondus („über Nacht erbaute“ Häuser und somit Eigentum), in denen die Bewohner ihr Gemüse anbauen und sich nicht stören lassen von der Autobahn, die nebenan donnert. Jedoch kann das jeden Moment vorbei sein, wenn die Bulldozer kommen. So wie in Sulukule, dem ältesten Roma-Viertel der Welt, wo das bereits 2008 geschah.

Generell wird aber nach diesem Prinzip verfahren: Enteignung. Entschädigung, wenn man den Besitz nachweisen kann. Abriss. Dann Neubau, höhere Mieten – Gentrifizierung im Schnelldurchlauf.

Das soll nun weiterhin im Bezirk Fatih passieren: Dort wurden mit EU-Geldern die Altbauten aus dem 19. Jahrhundert restauriert. Sie sollen nun durch Neubauten mit historischen Fake-Fassaden ersetzt werden, die mehr Platz als die verwinkelten Häuschen bieten. Mehr Mittelschicht soll sich hier ansiedeln. Dabei bietet Fatih die soziale Sicherheit, die der Staat nicht leistet. Die Bewohner finden ihren Verdienst als Hilfsarbeiter, Tagelöhner, Schuhputzer, Saftverkäufer oder Müllsammler in Laufnähe in der Innenstadt und helfen sich gegenseitig. Würden sie an die Peripherie vertrieben, bedeutete das Arbeitslosigkeit und den Verlust der Existenzgrundlage. In den Außenbezirken gibt es eigene kleine Zentren, aber weniger Büros, weniger Restaurants und Cafés und somit weniger Kundschaft für alle, die auf der Straße ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Waren und Dienstleistungen verdienen.

Banlieues haben sich aber wohl noch nicht gebildet. PendlerInnen jeden Tag ins Zentrum zu bringen, ist infrastrukturell noch gar nicht möglich. Es gibt den Metrobus mit einer eigenen Spur auf den Stadtautobahnen, aber kein adäquates U-Bahn-Netz. Die Tunnel, die mit großer Mühe in die komplizierte Topografie Istanbuls gebaut wurden, werden stattdessen dem Auto-Verkehr preisgegeben.

Es gibt tatsächlich auch ein zentrales Viertel – Fulya – das kaum mit dem Bus zu erreichen ist. Die GebäudereinigerInnen und Hausmeister müssen hinein und hinaus laufen. Die BewohnerInnen der Wohnsilos parken dagegen  in der Tiefgarage und besorgen ihre Einkäufe im Megamarkt. Ein Leben in den Straßen, im öffentlichen Raum, findet kaum noch statt. Welche Lebensqualität bietet ein Viertel ohne Straßencafés und Späties? Letztere sind vielleicht ein Köln-/Berlin-/Istanbul-spezifisches Phänomen, stehen aber doch für ein Stück Heimat. Sie verschaffen Wiedererkennungscharakter und ermöglichen das Ich-zeig-dir-meine-Lieblingsecke. Tee trinken im Einkaufszentrum?
Auch Levent, das Bankenviertel auf der Höhenstraße, birgt wenig individuell gestaltbaren urbanen Raum. Erst hinter dem teuren und durch Taschenkontrollen abgeschotteten Einkaufszentrum Kanyon liegt beispielsweise Gültepe – „der Rosenhügel“.

Dort sind wieder Massen  von Leuten auf den Straßen, die Taxis hupen vertraut und es gibt herrlich kitschige Läden voller Plastik-Haushaltsartikel. Die Menschen fühlen sich hier zu Hause, wohnen bescheiden und doch zentral. Ihre Geçekondus sind legalisiert und längst keine Wellblechhütten mehr, sondern mehrstöckige Wohnhäuser. Da bleibt wenig Platz für einen Park mit Schaukel und Rutsche, aber die Bewohner sind zugleich Eigentümer dieser Häuser und haben eine gewisse Sicherheit. Eine alte Frau blickt aus dem Fenster und sagt, sie wünsche sich, dass nun alles so bleibe, obwohl es vor dreißig Jahren, als sie hier herzog, schöner gewesen wäre. Damals hatten die Bauern kleine Häuser gebaut und Gärten drumherum angelegt. Mit dem Zuzug musste der Wohnraum aber verdichtet und effektiver genutzt werden. Das hat man in anderen Teilen Levents aber dennoch nicht getan und eine Gartenstadt angelegt. Dort gibt es relativ großzügige Einfamilienhäuser mit Grünfläche. Diese können sich ihrer Fortexistenz sicher sein, weil sie legal geplant sind.

In prominenter Wohnlage, also am Hang des Bosporus, dort, wo der Kamm, auf dem auch die Einkaufspromenade Istiklal verläuft, nach Osten hin abfällt, sollte man sich jedoch nie sicher sein. In den vergangen Jahren wurden genügend Gesetze geschaffen, um Enteignungen bei Bedarf leicht vorzunehmen. Der Bedarf richtet sich dabei aber keineswegs nach infrastrukturellen oder sozialen Belangen der Gesellschaft, sondern folgt einem mafiösen Klüngel, der Investoren begünstigt, die neuen, modernen, aber wenig belebten Wohnraum höchstpreisig vermieten wollen.

Davor sind nicht einmal in Kooperative gebaute Häuser sicher. Sie entstanden im Auftrag einer Genossenschaft und wurden nach dem Bau zu Eigentumswohnungen der Privatinvestoren. Es sind einfache, aber lebenswerte Wohngegenden, die an das Neubaugebiet erinnern, in dem ich die ersten sechs Jahre meines Lebens verbrachte. Man trifft die Nachbarskinder auf dem Spielplatz, huscht um die Häuser und spielt in den Waschkellern Verstecken.

Vor allem diese familienfreundlichen Viertel kommen mir sehr bedroht vor und es gibt vergleichsweise Wenige wie den Stadtforscher Orhan Esen, die darüber berichten, den urbanen Dschungel der Willkürlichkeit erklären und sich dagegen auflehnen.

„Rühr mein Haus nicht an!“, kündet es fast einsam im dichtbesiedelten Fatih von Plakaten in einem Fenster. „Istanbul, was tut man dir an?“, möchte ich ebenso rufen.

Würden auch andere Altstädte mutwillig überbaut, wenn es dort so einfach wäre wie hier?!
Musealisierung ist natürlich nicht der Gegenentwurf. Doch nicht einmal das findet statt. Durch den Neubau von Gebäuden mit scheinbar historischen Fassaden, findet eine Disneyland-isierung statt. Und dieser Begriff ist genauso auf die wahnwitzigen Stadtschlossprojekte in Berlin und Potsdam anwendbar.
Bedauernswert ist in der Bosporusmetropole vor allem, dass sich kein David Chipperfield dafür interessiert, neue Lösungen zu finden, um das wenige Historische zu sichern und mit einer Architektur zu kombinieren, die die Viertel wieder praktikabel macht und Brachfläche gestaltet. Auch hier zeigt sich wieder ein schreiendes Paradox: Halbherzig werden in den Schluchten zwischen den Vierteln Parks angelegt oder Flächen der urbanen Steppe preisgegeben. Für die  Anwohner sind diese Flächen unattraktiv. Doch sitzen sie lieber vorm Fernseher, ist ihnen der Abstieg in das grüne Tal nicht möglich oder sind sie wirklich nicht an der Nutzung dieses Raumes interessiert? Wo sind die Architekten, Landschaftsplaner, Stadtentwickler und Soziologen?

Istanbul hat mit den Geçekondus zu Zeiten der Industrialisierung sozialen Frieden durch individuell gestaltbaren und kostenlosen Wohnraum geschaffen. Eine „Modernisierung“ der Stadtstruktur im Sinne einer Zentralisierung der Büros im Stadtkern nach dem „Essener Modell“ ist glücklicherweise auch gerade durch diese Ungeplantheit vermieden worden. Doch durch das Plattwalzen der wild gewachsenen Viertel verlieren Millionen nun ihren sozialen Halt, ihre Möglichkeit zu arbeiten und sammeln sich weiter draußen. Orhan Esen sagt, man habe ja schon oft genug den Fehler der problematischen Vorstädte gemacht. Aber ob das hilft?

Paradoxal erleichternd ist es zu sehen, wie Istanbul trotzdem zu funktionieren scheint, wenn auch mit zahlreichen Betriebsausfällen. Die Menschen jedoch finden ihren Lebensweg durch die Stadt, bekommen schon irgendwo Arbeit und eine Wohnung oder behaupten sich in ihrem Häuschen schon seit über dreißig Jahren.

F A Z I T

Das alles gehört zu dieser unbegreifbaren Dimension Istanbul. Doch erfahrbar ist sie, immerhin. Fraglich bleibt, wer imstande und mächtig genug ist, die Zukunft dieser Stadt verträglich zu gestalten.

Dieses Protokoll entstand auf einer eintägigen Tour durch die Stadt im September 2010 mit dem Autor und Sozialwissenschaftler Orhan Esen, der „Self Service City: Istanbul“ mit herausgegeben hat.

Text: Annika Haas
Bild: Céline Gaulke

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