Einmal Trauer rot-weiß bitte

Selbst der Szenefriseur schmückt heute seinen Szeneladen im Szeneviertel Cihangir mit einer Atatürk-Flagge. Wie kommt’s?


Um 9.05 Uhr Ortszeit starb 1938 Kemal Mustafa Atatürk im Dolmabahçe Palast in Istanbul an einer Leberzirrhose.

Die Flagge weht

Nun, wie trägt Istanbul Trauer? Natürlich sind die Flaggen auf Halbmast gehisst. Der Tag beginnt mit einer durch Marschmusik untermalten Schweigeminute um, ja, 9.05 Uhr. Alles steht still auf dem zentralen Taksim-Platz, auch der Verkehr; selbst auf den mehrspurigen Bosporusbrücken.

Das Selbstmordattentat vom vorletzten Sonntag scheint nicht mehr präsent. Dass die Polizei überall mit Kalaschnikows steht, ist fast schon bedrohliche Gewohnheit geworden. Lediglich die Bewaffneten auf den Dächern sind neu. So schildert es mir jedenfalls meine dänische Kommilitonin – ich habe das ehrwürdige Event völlig verschlafen. Beim Frühstück wundere ich mich nur über die Sirenen, die vom Balkon aus zu hören sind. Etwas merkwürdig, aber amüsant, kommt mir auch das gleichzeitige Tuten der Kreuzfahrtschiffe vor, die am nahen Ufer ankern. Es ist ein massiver, eindrücklicher Klang.

Auf dem Weg zur Universität sehe ich Menschen, die rot-weiße Schleifen mit Atatürk-Bild in der Rosette tragen. Das erinnert mich an die Trophäen meiner Sandkastenfreundinnen, die sie stolz von den Ponyturnieren nach Hause brachten – unerreichbar für mich als Wendy-Verweigerin. Auf dem Rückweg sind die Dinger allerdings ausverkauft, wieder nichts. Dabei begegnet mir im Straßenbild nicht einmal eine Mehrheit, die sich damit schmückt.

Dafür erfreuen mich die Meere von roten und weißen Alpenveilchen am Dolmabahçe-Palast. In den Händen der Kinder auf Schulausflug fehlen nur noch die roten und weißen Nelken. Dann würden sie – an diesem Tag ausgestattet mit Plakaten voller Atatürk-Bilder –  auch gut in die ehemalige DDR passen: in Uniform und nicht wissend, was sie tun.

Im Gegensatz dazu wirken die Militärs bei der Wachablösung vorm Sterbepalast sehr bestimmt. Als die beiden Soldaten ihre Posten eingenommen haben (so gegen acht Uhr abends stehen sie allerdings nie da, dann verweist nur noch ein Schild darauf, dass man dem Nebentor zum Palast nicht zu nahe kommen solle) halten sie abwechselnd die Hand vors Gesicht und senken den Helm. Ob es dazu gehört, sich dabei zitternd auf die Kalaschnikow zu stützen, kann ich in dem Moment nicht beurteilen. Kurz darauf marschiert eine weiteres halbes Dutzend über den Platz, um gleich wieder durchs nächste Tor zu verschwinden. Ich halte auf dem Fußweg parallel Schritt und beobachte die Kameraden durch den Zaun. Auf der anderen Straßenseite schmückt sich die Mauer über einen guten Kilometer mit hintergründig beleuchteten Fotografien, die Szenen in des Diktators Leben zeigen. Aber so richtig ernst nehmen kann ich diese inszenierte Autorität nicht. Schließlich sind die Polizisten in ihrem Pausen-Panzer-Bus in Uninähe auch immer nur am Telefonieren und hängen in den Sitzen.

Schließlich verweile ich noch ein wenig im Teegarten direkt am Bosporus. Heute scheint auch dieser ziemlich aufgewühlt. Die Wellen schlagen an die Kaimauer und speien so allerlei aus. Die Luft wirkt ein wenig klarer heute. Man sieht mehr als nur die Silhouette der Historischen Halbinsel. Man sieht, dass dort die Blätter langsam, langsam -yavaş yavaş- gelb werden. So wie alles. Atatürk musste eben auch sterben.

Insgesamt scheint es, als ob Istanbul nicht wirklich trauert, sondern heute besonders stolz auf den Türkenvater ist – und alles andere ein wenig ausblendet. Den Anschlag, das Anschlagspotenzial, die wachsende Kluft zwischen Islam und Nationalismus. Und so scheint es auch kein Affront, dass man sich während der Schweigeminute bewegt hat. Das sei auf dem zentralen Taksim-Platz auch so gewesen, es sind wohl auch Leute aneinander geraten.

Nicht zu viel Ordnung an diesem Tag also.

F A Z I T

Der zehnte November ist in der Türkei kein Feiertag. Trauer feiern, das kann man eben auch so. Völlig ausreichend, wenn das von offizieller Seite gebührend geschieht und der Rest der Gesellschaft weitestgehend auf die rot-weiße Pracht verzichten darf.

Text: Annika Haas
Bild: Céline Gaulke

Siehe auch:
Trauerminute und -zeremonien im Bild.

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