Kopfsachen

Bill Clinton verwirrt und der Selbstmordanschlag macht Kopfschmerzen…

Wohin geht die Reise?

Wohin? den Kopf bloß wenden? Foto: Céline Gaulke

 

 

 

 

 

 

[Stirnfalte]

Toll,  das Video-Portal Vimeo ist jetzt auch noch gesperrt. So ergibt sich am Tag meiner Rückkehr von einer Woche deutschem Herbst wieder die erste Verwirrung.

Noch wenige Stunden vorher hat mich die als hyper-autoritär verrufene türkische Polizei am Flughafen fast herzlich willkommen geheißen.“Annika?“ – „Evet.“, ein Lächeln vom Grenzbeamten! Auch keine misstrauische Nachfrage, warum ich nach einem achtwöchigen Aufenthalt schon wieder einreise. Und das ohne Visum.

Vor den Häuschen der Grenzbeamten am Flughafen Sabiha Gökçen (benannt nach der ersten türkischen Kampfpilotin) versammelt sich zum letzten Mal auf meiner Reise ein Publikum, das in Deutschland zum Gegenstand der laut ausgerufenen Integrationsdebatte geworden ist.

Das türkische Ehepaar – vielleicht Anwältin und Manager – das mit seinen Kindern nur deutsch redet. Ein Pärchen mit Migrationshintergrund aus Kreuzberg, dessen gemeinsame Sprache ebenfalls die deutsche ist. Die Familie, in der die Frauen bunt gemusterte Kopftücher tragen, mit Geschenken vollbepackt sind und wohl mit Decken und türkischen Textilien zurückreisen werden. Eine Frau, die mit ihrem Kurzhaarschnitt stark nach Kulturszene aussieht und vielleicht zwischen Istanbul und Berlin hin- und herpendelt. Oder ist sie gar an den Bosporus „zurückgekehrt“? Diese Gruppe wird nun von der deutschen Wirtschaft „entdeckt“.  Aha. Nur leider kommt die Einsicht, dass besonders die „dritte Generation“ der einstigen Gastarbeiter hochqualifiziert ist, wohl spät.

[Augenbrauen Hochziehen]

Erst Anfang Oktober hat nun die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, nach dem ausländische Berufsabschlüsse schneller anerkannt werden sollen.

Die Eltern meines ehemaligen Mitschülers mit Migrationshintergrund arbeiten wohl immer noch in der Hähnchenfabrik mit Medizinerdiplom. Eine ukrainische Kommilitonin studiert in Deutschland, muss danach aber als Nicht-EU-Europäerin erstmal wieder gehen. Vielen Dank für die Ausbildung. Dieser faktische Kostenposten scheint sich nicht rentieren zu müssen. Dabei kann ich nur Bewunderung aufbringen für soviel Durchhaltevermögen und das akzentfreie Deutsch, das sie spricht. Jedoch: „Erasmus? Sie sind doch im Ausland, schon bemerkt?“, knallt ihr das Akademische Auslandsamt Potsdam entgegen.

Eng sind die Grenzen auch für Türken, die beispielsweise beim Deutschen Konsulat Istanbul vorstellig werden. Selbst das Einkommen der Eltern muss teilweise belegt werden, um ein Visum für einen kurzen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen. Berlin von dem alles schwärmt, bleibt da erstmal fern. Die nächstgelegene Metropole mit ähnlichen Verheißungen ist Beirut. Und dabei sprechen wir von Istanbul, das ebenso kulturell im Fokus steht.

[Kopfschmerzen]

Das Selbstmordattentat am Sonntag (31.10.2010) auf dem zentralen Taksim Platz war nun leider kein Schritt in Richtung EU-Reisefreiheit. Wer auch immer da einen Schlag gegen die Polizei verüben wollte oder die Metropole zumindest an diesem Tag als unsicher markiert hat, hat der Vielzahl der weltoffenen Istanbuler keinen Gefallen getan.

Als ich in der dörflichen Stille Nordsachsens davon erfahre, muss ich kurz vor meiner Abreise noch zur Kopfschmerztablette greifen. Meine Eltern lassen mich ungern gehen. Am nächsten Morgen steige ich übermüdet aus dem Bus, der Taksim Platz ist wie jeden Tag blitzblank gekehrt. Auch in den folgenden zwei Tagen wird kaum Aufhebens um das Selbstmordattentat gemacht. Nur über facebook werden die als unbedarft und schreckhaft wahrgenommenen Erasmus-Studierenden panisch mehrmals vom International Office der Universität beruhigt. „So once again: don’t worry. Everything’s under control.“

[Augenreiben]

Alles gut, alles ruhig, alles unter Kontrolle. Plus: Wirtschaftswachstum, Wohlstand, Fortschritt!

So auch der Tenor, in den Bill Clinton am zweiten Oktober an der Bilgi-Universität Istanbul einstimmte. Der Vorab-Jubel der Schlips-, Dauerwelle- und WürdenträgerInnen beim Betreten von „Mr. President“ war also nicht umsonst.

Die Türkei agiere als Magnet im Mittleren Osten. Alle Vorteile einer vollen Integration in die EU würden außerdem viel stärker wiegen als die derzeitigen Bedenken. Somit werde die EU es eines Tages bedauern, den Integrationsprozess verzögert zu haben.

Die Türkei hat alles richtig gemacht. – So verstand ich diese Rede ohne erkennbare Kritik.  Bedauernswert, dass Bill Clinton aus den fernen USA nicht die Chuzpe hatte, seinen gewichtigen Finger wenigstens in eine Wunde zu legen. Welchen Wert hatte diese Rede für den Entwicklungsprozess der Türkei und die Integration in die EU, die doch Clinton so wichtig ist?! Ich konnte seine Beweggründe nicht ausmachen.

Einprägsam blieb letztendlich, dank der repetitiv- amerikanischen Rhetorik seine Sicht auf die Dinge: „Now I tell you, how I look at the world.“. Das war nämlich der eigentliche Gegenstand der „Konferenz“. Er brachte den im weißen Zelt versammelten (Elite)Studierenden bei, dass die Welt ungerecht, instabil und nicht nachhaltig sei. Es sei an jenen das noch schneller zu lösen.

Ich als fast einzige mit Jeans und Pullover fragte mich in diesem Moment, wie ich es mit einer simplen Registrierung per Email in dieses Zelt und auf einen Stuhl in  der siebenten Reihe geschafft hatte und ob ich als Teil der Lösung zu betrachten bin.

 

FAZIT

Vieles bleibt fraglich, auch außerhalb der Türkei. Aber es kommt nicht nur darauf an, was Bill Clinton dazu zu sagen hat. Wir alle haben eine Antwort.

 

Siehe auch:

Leichtere Anerkennung für ausländische Abschlüsse, FAZ, 21.10.2010

Bill Clinton an der Bilgi Universität Istanbul am 02.10.2010

Das schreibt die Hürriyet Daily News darüber.

Der Bericht der Tagesschau über den Selbstmordanschlag.

 

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