Mob Tophane’de

21. September 2010
Ein Abend in Tophane. „Extrastruggle“ soll zum Schlagwort des Abends werden.


Das Viertel im Stadtteil Beyoğlu erweckt einen familiären Eindruck. Um die Moschee am Fuß des Hangs versammeln sich vor allem junge und alte Männer, um auf dem Platz Fußball zu spielen oder im Teegarten Wasserpfeife zu rauchen. In den steilen Straßen reihen sich Lokantas und Lebensmittellädchen auf.

Die Nebengassen des einstigen Rotlichtviertels sind immer stärker durch internationale Studierende und Intellektuelle bewohnt. Entlang einer größeren Straße, der Boğazekese Sokak, gibt es zahlreiche Galerien. Dort findet an diesem Abend der Tophane Art Walk statt.
Die Galeri NON stellt Werke des Kollektivs Extramücadele 2010 // Extrastruggle 2010 aus. Am Eingang liegt Atatürk als gefallener Engel. Provokante Ausstellungstitel gewöhnt, denkt man sich auch nichts weiter bei einer weiteren Skulptur, die eine bis auf die Augen verhüllte Muslima darstellt. Außerdem ist es auch viel zu voll, um das alles so schnell diskursiv einzuordnen. Vor der Galerie versammelt sich das Publikum zum Rauchen und Bier trinken. Es könnte Berlin sein.

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Als ich gerade wieder einen der typischen Smalltalks à la „Und was machst du in Istanbul?“ beginne, gerät die Masse allerdings in Unruhe. Zunächst wirkt das so, wie vergangene Woche, als vor meinem Balkon im benachbarten Cihangir rund dreißig junge angetrunkene Männer mit einer Trommel vorbeizogen, wenige Minuten später eine Schlägerei losbrach und ein Mann mit einem blutigen T-Shirt wieder zurückging. Doch hier entsteht deutlich mehr Panik.

Ein türkischer Begleiter drängt von der ersten Sekunde der Unruhe darauf, den Platz zu verlassen. Wir beginnen zu rennen und wenig später fliegen Steine, die Bierflaschen fallen zu Boden. Ich schaue um mich und sehe eine Frau, die schreiend und weinend die steile Straße hinauf flüchtet. Ich schwanke zwischen Panik und Lächerlichkeit. Wir finden Schutz in einer Galerie, in der Bilderrahmen aus Gummi an Fleischerhaken aufgehängt sind. Die Jalousien werden hinunter gelassen. Alle sind fassungslos, telefonieren nach ihren Freunden. Erst jetzt fügt sich für mich alles etwas schlüssiger zusammen.

Eine Woche vorher hat es das Referendum über eine Verfassungsreform gegeben.  Parteiinteressen dominierten deutlich die sachliche Auseinandersetzung mit den 26 Verfassungsänderungen, zu denen pauschal Evet oder Hayır (Ja oder Nein) gesagt werden sollte. Am Abend der Entscheidung für das Reformpaket, initiiert durch die AKP und propagiert durch eine riesige Evet-Kampagne, meinte mein türkischer Mitbewohner bestürzt, dass die Leute nun auf den Straßen kämpfen werden. Auch wenn das Referendum und der Anschlag auf die Galerien (in der gesamten Straße hatte es Gewaltanwendungen gegeben) nicht im unmittelbaren Zusammenhang stehen, so wird diese -in meinen Augen dystopische- Äußerung plötzlich hässlich illustriert. Zusätzlich tritt dieses Ereignis auch in den Reigen der fast täglich erlebten Widersprüchlichkeit: Die Ausstellung war sowohl Atatürk-, als auch Islam-kritisch, die Skulpturen ein Politikum ohnegleichen. Die Initiative könnten also Kemalisten oder auch Islamisten ergriffen haben.

An den Tagen darauf geht die Berichterstattung gegen „die Bärtigen“. Es seien aufgebrachte Islamisten gewesen, die es nicht für gut befänden, dass in ihrem Viertel Menschen auf den Gehwegen Alkohol tränken und so zum Wandel der Viertelkultur beitrügen. Alles sei relativ spontan gewesen.

Geschockt sitze ich am nächsten Tag im Türkisch-Sprachkurs. Meine Lehrerin schließt sich dem Argument der Alkoholfeindlichkeit an. Die taz spricht unisono mit Spiegel von den „Bärtigen“, sie hätten „Allahu akbar“ gerufen. Ich habe davon nichts gehört.

Letztendlich steht aber nicht die Frage nach der Identität der Angreifer im Vordergrund, sondern der Gewaltakt gegen die Freiheit der Kunst, der Meinung und die der Galeriebesucher. Nach dem Aufruhr ist die Straße natürlich leergefegt, der Tophane Art Walk gesprengt. Es gibt Verletzte und die Polizei kommt erst spät.

Auf dem Weg in ein Lokal kommt in mir Verzweiflung und Wut zugleich auf. Das Privileg, in diesem Land zu Besuch zu sein und über zahlreiche offene Türen zu verfügen, steht plötzlich im krassen Kontrast zu dem Gefühl, in der persönlichen Freiheit eingeschränkt zu sein und zu dem Wissen, dass Menschen sich hier auch aus Angst weniger politisch engagieren.

Am nächsten Tag ist das Viertel Tophane von Journalisten übervölkert, die Atatürk-Skulptur nicht mehr ausgestellt. Am nächsten Tag steht sie wieder an präsenter Stelle im Eingang der NON Galeri.

F A Z I T
Gewalt gegen Kunst und deren Interessenten ist fragwürdig. Unklar bleibt, ob der Mob vielleicht auch/nur gegen Gentrifizierung protestiert hat.
Am Ende bleibt Uneindeutigkeit und mein Evet zu Extrastruggle 2010.

Text und Bilder: Annika Haas

Siehe auch:

Eine Rekapitulation der Ereignisse vom September 2010 im Red Thread E-Journal.
Hürriyet Online CNN Turkey

Der Spiegeltaz

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