– Im Frisörsalon am Autobusbahnhof in Istanbul sitzt ein Mann im weißen Feinrippunterhemd und erläutert detailreich, wie die grüne Pflegemaske in seinem Gesicht wirkt. Nach ein paar Minuten fügt er hinzu: „Ama gey değilim!“ [Aber schwul bin ich nicht!] Der Salon voller Männer lacht lauthals los. –

So schildert Ulrike Böhnisch beispielhaft, wie paradox sich Männlichkeit in der Türkei konstituiert. Dies und das fragwürdige Ausmusterungsverfahren Homosexueller vom türkischen Militär thematisiert ihr Dokumentarfilm Çürük – The Pink Report. Derweil war er auf 19 Filmfestivals in Europa zu sehen, zuletzt vor einem ausdrücklich dankbaren Publikum beim !f Istanbul Festival in Istanbul.

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Über ein Jahr ist es her, dass ich nicht mehr in Istanbul lebe. Auch wenn ich dort einige Zeit verbracht habe, bin ich keine Türkei-Versteherin. Dennoch verfolge ich bewegt und besorgt, was passiert. Im Strom der Bilder, Videos und Kundgebungen ist dies ein subjektiver Kommentar und mein Weg, um einzustimmen in die Solidarität mit den Protestierenden. 

„so schlimm die bilder sind, es gibt bei mir auch ein gefühl von: endlich! endlich ist was losgetreten worden.“ (Ula)

Es ist ein Jahr her, dass ich im Gezi Parkı gepicknickt habe und an mehreren Wochenende improvisierte Parkfeste stattfanden um zu zeigen: Dieses letzte Stück öffentlicher Raum muss erhalten bleiben!

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Gezi Parkı im April 2012

Demonstrationen gegen Misststände gibt es auf der benachbarten Istiklal Caddesi und dem Taksim-Platz fast täglich. Nun zirkulieren Bilder, Sprechchöre und Livestreams aus der ganzen Türkei, die zeigen, wie auf dieser Meile ein Barrikadenkampf begonnen hat und sich der Protest aus dem Stadtzentrum herausbewegt und weder durch Wasserwerfer, Tränengas noch Agent Orange zurück gehalten werden kann. Zu den ein, zwei absurden Polizeipanzern am Tarlabası-Bulvarı müssen dutzende hinzugekommen sein und stellen nun neben vergitterten Bussen Schutzkapseln für Polizisten, von denen man nicht weiß, ob sie sich ihrem Gewissen gegenüber verpflichtet fühlen, wenn sie knüppelnd durch die Straßen ziehen und bürgerkriegsartige Zustände anfeuern. Auch ohne Videoüberwachung landet das im Livestream, was im Zentrum der neoliberal-gewucherten Pufferzone des Mittleren Ostens passiert. Trotzdem berichtet die ARD am Samstagabend noch von einer „angespannten Ruhe“, während sich auf facebook die Kommentare über rohe Polizeigewalt in Ankara, Istanbul und Izmir häufen und selbst von Toten die Rede ist. Dabei hat sich Bahn gebrochen, was anderswo als Protest gegen Gentrifizierung und Beschneidung öffentlichen Raumes in Städten letztendlich an Runden Tische zwischen Bürgeriniativen und Kommunalregierungen diskutiert worden ist, auch wenn es dabei im Vorfeld, etwa von Stuttgart 21, auch nicht gewaltfrei zuging. Wenn jedoch immer wieder Unrecht widerfährt, gegen das nicht geklagt werden kann, Protest auf taube Ohren stößt und ein Gefühl der Unfreiheit sich auswächst zu Wut, dann bricht sich diese Bahn in der Ausdehnung einer Park-Sitzblockade und über den Protest-Rhythmus der Istiklal Caddesi hinaus – der Straße der Unabhängigkeit. Sie ist so umbenannt worden in Erinnerung an den Unbahängikeitskrieg Atatürks 1923. An dieser Stelle muss beiseite gelassen werden, welchen Freiheiten und Unfreiheiten dieser im Detail zur Folge hatte. Heute stellte sich die Frage: Braucht es erneut einen Umbruch, eine Reformation des türkischen Staatssystem, das Recep Tayyip Erdoğan mit Gesetzes-Schneiderei zu seinem gemacht hat, das aber einer breiten Mehrheit immer deutlicher missfällt? Aus den Mahelle und in die Mahalle hinein, wird nun noch lauter kundgetan, was sich angesammelt hat über die Jahre. Einiges ist mir aus meiner Istanbuler Zeit in Erinnerung und stellt doch nur einen kleinen Ausschnitt dar:
BürgerInnen und Bürger der Türkei sind „muslimisch“ und „türkische“ per se und so steht es in ihrem Pass und ignoriert damit alle Nicht-Religiösen, andere Konfessionen und weitere ethnische Gruppen, die es in der Türkei schon immer gegeben hat, die aber beispielsweise in der Leugnung des Genozids an den Armeniern und dem Kurden-Konflikt teilweise im wahrsten Sinne des Wortes tot geschwiegen werden. Ebenso stehen das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, oder Pressefreiheit nicht auf der Agenda. Stattdessen widmet man sich Bauprojekten mit perversen Auswüchsen: der dritte Flughafen, die dritte Bosporusbrücke, ein zweiter Bosporus! Der Ausgangspunkt der Proteste, ein Einkaufszentrum dessen Architektur eine osmanische Kaserne rekonstruiert an Stelle des Parkes, steht ikonisch für eine Top-Down-Umwälzung der Stadt, deren physisches Äquivalent die Bullozer sind, die ganze Viertel wie Tarlabası platt walzen und dann als osmanisch-musealisiertes Disneyland und mit überflüssiger Konsumfläche auffüllen. Zahlreiche dieser Pläne stammen noch aus der Zeit Erdoğans als Bürgermeister von Istanbul; am Umbau der Stadt sind Firmen mit familiären Verbandelungen zum Premierminister beteiligt und darüber hinaus steht nicht nur die Fällung von Bäumen im Gezi Parkı für einen mehr als leichtsinnigen und größenwahnsinnigen Umgang der türkischen Regierung mit der Natur in der gesamten Türkei.

Das ist aber nur meine ferne Sicht auf diese Ereignisse. Ich weiß nicht, welche komplexen Missstände es jeweils sind, die die Menschen auf die Straßen treiben. Sagen lässt sich, dass es wahrscheinlich noch komplizierter ist als die Fülle an Bildern, Posts und Kommentaren, die stroboskopisch Schlaglichter auf diese Proteste werfen. Das reicht von einem Video aus der privaten Bahçeşhir Üniversitesi, an der ich studiert habe und in dessen Foyer sich kreischend in Sicherheit gebracht wird, über das Foto vom Istanbul-Marathon, das fälschlicherweise als Beleg für die Übernahme der Bosporusbrücke durch Fußgänger gepostet worden ist und setzt sich ohne Ende fort in immer neuen Bildern von Polizisten, die mit weniger als einem Meter Abstand mit Pfefferspray auf BürgerInnen zielen, Tränengaskartuschen abfeuern und Fotos von den Mengen in den Straßen, einzelnen Protestierenden, oft halb vermummt, manchmal Kochtöpfe schlagend und klatschend, teils vor brennenden Barrikaden, teils blutend am Boden liegend. Begleitet sind die Bilder von Hilferufen, Informationen wie Notrufnummern und Statusmeldungen, was, wann und wo passiert ist. Über all dem, so meine Wahrnehmung, steht der Ruf nach mehr Demokratie.

Der Gezi Parkı ist zum Stein des Anstoßes für die lautstarke Forderung danach geworden. Er ist übrigens nicht einmal besonders groß und zugleich im Umkreis von zwanzig Minuten Fußmarsch die einzige Grünfläche. Trotzdem erfüllt er nicht im Ansatz die Funktion einer grünen Lunge für das Zentrum Beyoğlus, auch wenn der Verkehr am Taksimplatz bald unterirdisch verlaufen soll. Mit dem Park verschwünde also das letzte Stück grüner, öffentlicher Raum rund um den Taksim, von zum jetzigen Zeitpunkte Proteste ausgehen, die sich gegen den Premierminister und die damit verbundenen Beschneidungen u.a. von Rechtsstaatlichkeit, Redefreiheit, das Recht auf Mitbestimmung, die Achtung von Menschenrechten und und und richten.

F A Z I T

Solidarität mit jenen, die über Jahrzehnte schon in der Türkei gegen Missstände eintreten! Solidarität mit den Protestierenden in Istanbul, in Ankara, Izmir und in allen Mahalle der Türkei!

SHARE PROTEST & SOLIDARITY:

http://fakfukfon.wordpress.com/2013/05/31/atencionatencioattentionattention/

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http://www.whatishappeninginistanbul.com

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Göktürk, von Justus Linz

 

Göktürk  – so heißen mehrere Orte in der Türkei. Göktürk im Istanbuler Stadtteil Eyüp ist ein Hybrid aus Kleinstadt, Dorf und Gated Community und damit Anziehungspunkt für mittelständische Familien, die ihre Ruhe haben wollen. Nimmt man den Bus von Mecidiyeköy, hat man zunächst den Eindruck, man unternähme eine Landpartie.

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